Der Mur droht die Zerstörung

Die Energielobby schielt schon seit Jahrzehnten gierig auf den slowenischen Streckenabschnitt der Mur, um dort Wasserkraftwerke zu bauen. Derzeit gibt es entlang der 95 Kilometer langen Murstrecke durch Slowenien nur ein Wasserkraftwerk. Es handelt sich dabei um das unmittelbar an der österreichischen Grenze liegende Wasserkraftwerk in Ceršak, das in den 1930er Jahren erbaut wurde, um den Energiebedarf der Industrie zu decken. 

In den 1980er Jahren wurde zum Bau weiterer Wasserkraftwerke entlang der Mur gedrängt – der slowenische Staat plante den Bau von 12 Wasserkraftwerken. Aktivistinnen und Aktivisten für die Mur – hauptsächlich Einheimische – leisteten Widerstand und haben den einzigartigen Fluss und dessen Landschaft erfolgreich verteidigt. 

Eine Kette aus acht Staudämmen 

Dieser Erfolg der 1980er Jahre dauerte jedoch nur gut zwei Jahrzehnte an. Im Dezember 2005 erließ die damalige slowenische Regierung eine Verordnung, mit der sie grünes Licht für den Bau von acht Mur-Wasserkraftwerken zwischen Sladki Vrh und Veržej gab. Diese Verordnung wurde bislang nicht umgesetzt, ist aber immer noch in Kraft. 

Der Bau der geplanten Wasserkraftwerke würde den gesamten noch frei fließenden slowenischen Teil der Mur zerstören und ihn für immer in eine Kette aus leblosen Stauseen verwandeln. 

Wir, im Dachverband Moja Mura (dt. Meine Mur), der 27 Organisationen vereint, werden das nicht zulassen! Wir sind seit 2016 mit der Kampagne Rešimo Muro! (dt. Retten wir die Mur!) aktiv und werden nicht aufgeben! 

Der slowenische Stromversorger Dravske elektrarne (DEM) erwarb von der slowenischen Regierung bereits 2005 eine Konzession für den Bau mehrerer Wasserkraftwerke an der Mur. Der ursprüngliche Plan sieht eine Kette von acht Wasserkraftwerken im Wert von etwa 800 Millionen Euro vor. Die ersten sechs Staudämme (rot markiert) sollen entlang der österreichisch-slowenischen Grenze zwischen Spielfeld und Radenci errichtet werden, die restlichen zwei hingegen zwischen Radenci und der kroatischen Grenze.  

Lanciert wurde die Kampagne Rešimo Muro! (dt. Retten wir die Mur!) auf Initiative lokaler Aktivistinnen und Aktivisten sowie NGOs, die bereits in den 1980er Jahren den ersten Kampf um die Erhaltung der Mur aufgenommen haben.

Wasserkraftwerke laut Studien umweltschädlich

Von acht geplanten Wasserkraftwerken wurde nur mit den Vorbereitungen für den Bau des ersten – jenes in Hrastje-Mota – begonnen. 

Auf Grundlage des slowenischen Raumordnungsplans von Mai 2013 wurden drei Varianten geprüft. Es handelte sich allesamt um Laufwasserkraftwerke mit bis zu 55 Megawatt Leistung und einem Stauvolumen von ca. 4 Millionen Kubikmetern.  Eine Umweltverträglichkeitsstudie, in der drei verschiedene mögliche Standorte für Wasserkraftwerke geprüft wurden, hat bestätigt, dass alle Varianten aus ökologischer Sicht ungeeignet sind und ihre Auswirkungen für die Umwelt gravierend wären (Note D). Deshalb hat die slowenische Regierung im Mai 2019 entschieden, die Umsetzung des Raumordnungsplans für das Gebiet des Wasserkraftwerks in Hrastje-Mota auszusetzen. 

Der Bau des Wasserkraftwerks in Hrastje-Mota würde eine irreparable Umweltzerstörung bedeuten und schwerwiegende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem Mur haben. Die Folgen wären die Zerstörung gefährdeter Lebensräume (Auwälder, Kiesbänke, Flachstellen), das Verschwinden typischer Tierarten in Flussökosystemen (Eisvogel, Uferschwalbe, Sterlet, Flussuferläufer), die Entwässerung von Feuchtgebieten, Auwäldern und landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie der Verlust von qualitativ hochwertigem Trinkwasser. Das Wasserkraftwerk hätte auch Auswirkungen auf die Nachbarländer, nämlich auf die Überschwemmungsgebiete der Mur in Österreich, Ungarn und Kroatien. Das würde für Europa nicht nur bedeuten, das einzigartige, 700 km lange, frei fließende Flussnetz von Mur, Drau und Donau zu zerreißen, sondern auch die Kette von fünfzehn Natura 2000-Schutzgebieten zu durchbrechen. 

Doch trotz der Feststellung, dass der Bau von Wasserkraftwerken im slowenischen Streckenabschnitt der Mur nicht umweltverträglich wäre, bleibt der enorme Energiehunger der Politik bestehen. Die Mur steht nach wie vor ausdrücklich in der Energiestrategie der Republik Slowenien. 

Auf Konfrontationskurs mit der EU-Umweltpolitik und internationalen Verpflichtungen 

Wasserkraftwerke entlang der Mur stünden im Widerspruch zu einer Reihe von EU-Direktiven, nämlich der Wasserrahmen-, der Hochwasser-, der Vogelschutz- und der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. 

Wasserkraftwerke würden die Realisierung des geplanten grenzüberschreitenden 5-Länder-Biosphärenparks Mur-Drau-Donau bedrohen, der als zentrales Umweltprojekt der EU-Strategie für den Donauraum gilt. 

Big Jump 2016, © by WWF
Mura, Hrastje Mota
Štorklja, © by F.Hahn4nature

Das Jahrhundertprojekt Biosphärenpark wäre in Gefahr und damit auch der grenzüberschreitende Naturschutz, die nachhaltige Entwicklung und die Friedenssicherung. 

Der größte Auwald Sloweniens

Die natürlichen Flussauen entlang des slowenischen Streckenabschnitts der Mur mit einem Netz aus Altgewässern, Flussinseln, Kiesbänken und Auwäldern ähneln stark dem Amazonas. Entlang der Mur erstrecken sich die größten Auwälder Sloweniens. Ihre Vielfalt zeigt sich etwa im blauschillernden Eisvogel, dem mysteriösen Schwarzstorch, dem prächtigen Seeadler und den flinken Bibern und Ottern. Auch seltene Uferschwalben nisten in den natürlichen Steilufern. Die frei fließende Mur und ihre Flussauen sorgen für sauberes Wasser und gesunde Wälder. Darüber hinaus ist die Flusslandschaft ein natürlicher Hochwasserschutz für die Einheimischen sowie ein wertvolles Naherholungsgebiet, um Boot zu fahren, zu angeln oder sich zu entspannen. 

Die Mur – Königin der Fischvielfalt 

Mit 51 heimischen Fischarten, einschließlich des eindrucksvollen Huchens, ist die Mur der fischartenreichste Fluss in Slowenien. In ihrem Einzugsgebiet leben ganze 67 % aller heimischen Fischarten Sloweniens. Davon stehen 36 Arten bzw. 70 % auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten der Weltnaturschutzunion (IUCN). Das Natura 2000-Gebiet an der Mur schützt ganze 13 Fischarten, deren Bewahrung im Interesse der EU liegt.

Die Mur ist der einzige Fluss in Slowenien, der nicht durch Staudämme und -anlagen in separate Abschnitte aufgeteilt ist, und der einzige Wasserlauf, in dem die Fische direkt und ungehindert von der Donau bis zum Staudamm bei Ceršak an der Grenze mit Österreich schwimmen können. Deshalb ist die Mur die Königin der Fischvielfalt. 

Kečiga, © by Lubomir Hlasek
Sulec, © by Andreas Hartl

Renaturierung der Mur gefährdet 

Wasserkraftwerke würden all den Aufwand zunichtemachen, der in die Wiederherstellung des natürlichen Zustands der Mur entlang der österreichisch-slowenischen Grenze gesteckt wurde. In den letzten 15 Jahren hat Österreich mit Unterstützung der EU etwa 8 Millionen Euro in die Verbreiterung des Flussbettes und die Wiederherstellung von Schotterbänken und Seitenarmen investiert. Durch diese Maßnahmen wurde der weiteren Vertiefung des Flussbettes erfolgreich Einhalt geboten. 

Die erwähnten Leistungen wurden 2014 mit dem European Riverprize der International River Foundation ausgezeichnet. Auch in Slowenien wurden im Rahmen des EU-Projekts LIFE BIOMURA etwa 2 Millionen Euro in die Renaturierung typischer Flusslebensräume investiert. Im Juli 2015 wurden 29.000 Hektar wertvoller Murauen in Slowenien von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt und zum Biosphärenpark Mur erklärt. 

Durch die Errichtung von Kraftwerken würden die Bemühungen der erwähnten Projekte zunichtegemacht und die bereits investierten europäischen Mittel gingen verloren. Ein Konflikt mit der EU wäre unvermeidlich. 

Beginn des Projekts 5-Länder-Biosphärenpark Mur-Drau-Donau. Dieser soll voraussichtlich 2021 eröffnet werden.
Wasserkraftwerke stellen einen irreversiblen Eingriff in die Natur dar und sollen nicht als erneuerbare, ‚grüne‘ Energiequellen verstanden werden: So sieht das österreichische Kraftwerk Spielfeld mit seiner Umgebung aus. Foto: © by Denis Cizar